Botschaft vom Rabbiner

 

Drasha Rosh Hashana 5781 – 18.09.2020

Wir beginnen heute Abend wieder ein neues Jahr, das Jahr 5781 des jüdischen Kalenders.

Was für ein Jahr hinter uns liegt! Es hat ziemlich normal begonnen, wir haben Rosch Haschanah, Sukkot und Chanukka gefeiert, an Purim fing es an etwas unsicher zu sein, aber wir wussten da noch nicht genau, was eigentlich gerade passierte. Aber das war alles BC, “before Corona”, das waren ganz andere Zeiten. Gleich danach begann es mit den Schliessungen von allem: Grenzen, Läden, Flüge und allem, was das Leben vorher für uns ausgemacht hat.

Ich bin gestern hier mit dem Flugzeug aus Berlin angekommen, nachdem ich davor 6 Monate lang nicht in einem Flugzeug gewesen war. Zum ersten Mal war ich plötzlich von allem weit weg, das sonst immer stattfindet und hatte Zeit ganz alleine mit mir. Ohne Anrufe, WhatsApp-Nachrichten, E-Mails oder Facebook, einfach ich und meine Gedanken, mit einem grossen Abstand zu all den Masken tragenden Menschen um mich herum, aber mit einem neuen Gefühl. Einem Gefühl von gegenseitiger Verantwortung, dem Gefühl das wir alle gemeinsam in dieser Situation sind. Wenn ich weiter weg sitze von Ihnen/ Dir und Sie/ Du von mir, dann ist das nicht, weil ich Ihnen/ Dir nicht nahe sein will, sondern weil wir beide unseren Anteil daran tun, verantwortungsvoll zu sein und den Virus nicht zu verbreiten. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie krank sind/ Du krank bist, es könnte sein, dass eigentlich ich es bin, der krank ist. Und wir werden das vielleicht nie wissen. Ja, es kann sein, dass unsere Ohren, wenn all das vorbei ist, etwas näher an unser Gesicht gerutscht sind, aber wir wissen, das wir tun müssen, was unbedingt wichtig ist in solchen Zeiten.

Der Virus bringt uns als Menschen näher zueinander, weil er nicht unterscheidet zwischen Geschlechtern, Ethnien, Religionen, Nationalitäten. Es gibt Millionen unsichtbarer Fäden, die uns alle als Menschen miteinander verbinden auf der ganzen Welt. Und wir können deutlich sehen: An Orten, an denen die Regeln eingehalten werden, gibt es weniger Kranke, weniger Tote und dort sind die Menschen in der Lage relativ normal weiter zu arbeiten, weiter zu leben und der Einfluss der anderen Länder ist auch deutlich sichtbar: Vor den Sommerferien waren die Zahlen in Deutschland niedriger, nachdem die Leute in ganz Europa Ferien gemacht haben, gingen die Zahlen wieder hoch.

Aber ich bin nicht hierher gekommen, um über Corona zu sprechen. Das ist das Einzige, über das wir nun schon seit so vielen Monaten sprechen. Es ist schon das aller langweiligste Thema überhaupt. Wir gewöhnen uns daran. Das einzige, das relevant für uns ist, ist ob wir etwas daraus lernen können. Heute feiern wir die Geburt unserer Welt. Der Midrash in Kohelet Rabah sagt uns: Als Gott Adam erschuf, zeigte er ihm den Garden Eden und alle Bäume darin und sagte zu ihm: “Schau/ Guck wie schön und grossartig meine Arbeit hier ist, und alles, das ich erschaffen habe, habe ich nur für dich erschaffen! Gib acht, meine Welt nicht zu zerstören, denn wenn du sie zerstörst, wird es niemanden geben, um sie nach dir zu reparieren.”

Heute ist Rosh Hashanah, unser neues Jahr! Eine Zeit in der wir uns Vorsätze für einen frischen Beginn vornehmen. Wie können wir neu beginnen in so unsicheren Zeiten?

In Zeiten, in denen sich so viel ändert und so schnell? Einer der vielen Shana-Tova-Wünsche, die ich bekommen habe war: “Ich wünsche dir, dass das kommende Jahr, ein Jahr sein wird, in dem du Dinge mindestens eine Woche im Voraus planen können wirst”.

Wäre es nicht so cool, wenn wir alle einfach aufwachen und feststellen würden, dass das alles nur ein Traum war? Stellen Sie sich das vor für eine Sekunde: Wir wachen morgen früh auf und sind in einer Welt, wie sie vor neun Monaten war. Das waren so einfache Zeiten. Aber anscheinend brauchten wir einen Weckruf, wir waren so von unseren Leben eingenommen, dass wir etwas übergroßes brauchten, um unser Leben in einer anderen Perspektive zu sehen. Damit wir dankbar sein können für all das, was wir haben, Dinge, die wir bis jetzt für selbstverständlich gehalten haben, wie jederzeit überall hinfliegen zu können, auf Parties und zu Festivals zu gehen, uns zu vielen in unserer Synagoge zu treffen, um gemeinsam zu beten, und jetzt müssen wir alle auf einmal Abstände und Quadratmeter berechnen, Masken tragen, Hände waschen und all das.

Aber wenn wir aus all dem nichts lernen, dann haben wir darunter nur umsonst gelitten, und das wäre wirklich schade.

Die einzige biblische Mitzvah, die wir an Rosh Hashana haben, ist Shofar zu blasen.

Maimonides schreibt in den Regeln von Teschuva, dass es, obwohl die Torah uns keinen Grund gibt, warum wir Shofar blasen, es einen Remez, einen versteckten Hinweis gibt, um uns aus unserem Schlaf aufzuwecken, von all den Dingen, die wir das ganze Jahr lang tun und uns daran erinnern, warum wir hier sind, so dass wir bessere Wege gehen können.

Der Talmud bei Rosch Haschana gibt uns einen anderen Grund, warum wir ein Schafshorn an diesem Tag blasen. In der Geschichte als Avraham bereit war, seinen Sohn Yitzchak zu opfern und der Engel zu ihm sagte, dass er Yitzchak nicht opfern sollte, opferte er das Schaf, dessen Hörner sich in den Büschen verfangen hatten. Um also Gott daran zu erinnern, dass wir Kinder des großen Avraham sind, der so loyal zu Gott war, blasen wir den Shofar. Aber braucht Gott eine Erinnerung? Ist er manchmal vergesslich?

Wie im Midrasch, den ich vorhin zitiert habe, ist alles das wir tun und alles das passiert für uns, damit wir uns an unsere Geschichte erinnern, damit wir uns daran erinnern, wo wir herkommen, und vor allem, damit wir uns daran erinnern, etwas aus dem zu lernen, das wir erlebt haben. Was wir jetzt brauchten war zum einen ein Weckruf und zum anderen eine starke Erinnerung an das, was wir bis jetzt getan haben.

Wenn wir also morgen den Shofar blasen, lasst uns an all das denken, lasst uns einen Moment nehmen, in Stille und Reflektion, um bei uns selbst zu sein, darüber nachzudenken, was wir in diesem Jahr gelernt haben, was wir mit unserer Zeit und unseren Ressourcen tun sollten an den richtigen Orten und mit den richtigen Menschen, wie wir bessere Menschen werden können mit mehr Konzentration auf das, was um uns herum und in der Welt passiert.

Ich wünsche uns allen das best mögliche und süsseste kommende Jahr, dass wir alle in Sicherheit sein werden, gesund und am Leben, ein Jahr voller Glück und Freude, ein Jahr der Wohlstandes und des Erfolges, ein Jahr der Erfüllung all unserer Wünsche, ein Jahr des Friedens unter den Nationen und des Friedens untereinander, ein Jahr, auf das wir, wenn wir darauf zurückschauen, stolz sein können. Shannah Tovah umetukkah!