Rabbinat Nachrichten

Liebe Mitglieder  und befreundete Personen.

In diesem Wochenabschnitt der Tora, Parshat-Korah, lesen wir von einem bedeutenden Mann aus dem Stamm Levi, Korach, der Mosche und seine Führung herausforderte. Er trat für Gleichheit und die Abschaffung aller Hierarchien ein. Korach und seine Anhänger „sich wider Mosche und Aharon versammelt hatten, sprachen sie zu ihnen: Ihr masst euch zu viel an, denn die ganze Gemeinde, sie alle sind heilig und unter ihnen ist Gott. Und warum erhebet ihr euch über die Gemeinde Gottes?!“ (Bamidbar/Numeri 16:3).

Als ich jünger war, fand ich Korachs Aussage überzeugend. Es schien, als würde sie die Idee der angeborenen Überlegenheit infrage stellen und forderte ein Ende der Ausbeutung sowie eine gerechte Verteilung der Ressourcen. Mit der Zeit erkannte ich jedoch, dass Korach, wie viele populistische Führer in der Geschichte und auch heute, manipulative und gefährliche Rhetorik einsetzte. Er nutzte die Idee der ultimativen Freiheit aus, um einen Putsch zu inszenieren und letztendlich selbst ein unterdrückender Führer zu werden.

Dies ist der klassische populistische Appell: Der behauptet, dass jeder gleichermassen qualifiziert sei zu führen und dass Führung keine Weitsicht, kein Verständnis der Vergangenheit oder Kenntnis internationaler Beziehungen erfordere. Die komplexe Arbeit eines Führers wird auf blosse Arroganz reduziert.

Die Populismus vertretende Person scheint die Schwachen zu stärken, indem sie radikale Gleichheit propagiert. In Wirklichkeit jedoch trampelt die Person oft auf ihnen herum und appelliert an den kleinsten gemeinsamen Nenner, als ob dies das Ideal wäre.

Ich glaube nicht, wie Korach, dass jedes Mitglied der jüdischen Gemeinde automatisch „Kadosh“, heilig, ist, nur aufgrund seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben oder seiner Abstammung. Heiligkeit ist ein Streben, eine Suche, die nie ganz erfüllt wird. Wir bemühen uns, Heiligkeit zu finden, sie zu schaffen und ihre schwer fassbare Präsenz in unserem Leben zu bewahren.

Mosche war im Gegensatz zu Korach kein Führer von Schlagworten. Vielleicht wird er deshalb als jemand beschrieben, der eine „schwere Zunge“ hat – „schwer“ bedeutet in der Bibel oft „langsam“. Seine Rede war nicht glatt oder überzeugend; er verliess sich nicht auf schöne Worte. Er strebte danach, das Volk durch ein Ideal zu führen, das komplex, schwer umsetzbar und sogar schwer vorstellbar war.

Gott wurde angerufen, um zwischen den Parteien zu richten – Mosche auf der einen Seite und Korach und seine Anhänger auf der anderen. Korachs Strafe ist faszinierend: „die Erde öffnete ihren Mund und verschlang sie und ihre Häuser und alle die Menschen, welche Korachs waren und all ihre Habe. Sie und alles sanken lebend ins Grab und es schloss sich über ihnen die Erde und sie verschwanden aus der Mitte der Gemeinde. Ganz Israel, die rings um sie waren, flohen bei ihrem Geschrei, denn sie dachten: es könnte auch uns die Erde verschlingen!״ (Bamidbar 16:32-34). Korach starb nicht; er blieb am Leben, wurde aber von der Erde verschlungen. Korach und sein Reichtum verschwanden.

Meiner Meinung nach kann Korachs Strafe auch metaphorisch verstanden werden. Sie ist nicht wundersam, sondern zutiefst menschlich. Er, der allen Heiligkeit versprach, ohne ihre Bedeutung zu lehren, ohne ihre Seltenheit und die Schwierigkeit ihrer Erreichung anzuerkennen, benutzte das Göttliche als politisches Werkzeug. Folglich erhielt er, anstatt einem Stück Himmel, ein Leben, das von weltlichen Sorgen dominiert wurde. Wenn die Erde in der Paarung von Himmel und Erde alles Nicht-Göttliche symbolisiert, dann war Korachs Strafe ein Leben ohne Inspiration, Heiligkeit und geistige Transzendenz. Er stieg hinab ins Scheol, dem hebräischen Begriff für die Hölle, abgeleitet vom Wort „vorübergehend“, und ersetzte die Suche nach dem Ewigen durch die Herrschaft des Vergänglichen.

Wir alle kennen vielleicht ein oder zwei ‹Korachs› – Menschen, die Heiligkeit als lächerlich oder Verachtet ansehen oder sie als Werkzeug im politischen Spiel oder als Mittel zur Statusgewinnung betrachten. Diese Menschen verlieren aufgrund ihrer Wahrnehmung jegliches Gefühl für Heiligkeit in ihrem Leben und werden von dem weltlichen Rennen um Status, Besitz oder Ego verzehrt.

Wir versuchen, uns von diesem falschen Versprechen, sei es von religiösen oder politischen Führern, fernzuhalten. Wir sind vorsichtig, Heiligkeit an jemanden zu „verkaufen“, und misstrauen dem Glauben, dass Heiligkeit uns ohne Anstrengung, Absicht, Lernen, Handeln und den ständigen Kampf, sie zu bewahren, zuteilwird. Wenn wir alles als heilig betrachten, riskieren wir, den wahren Kern der Heiligkeit zu verlieren.

Ich glaube, dass diese Parashah, dieser Tora Abschnitt, als ein Leitfaden für den Weg dienen kann, den wir gemeinsam beginnen. Ich bin sehr aufgeregt und glücklich, mit ihnen allen auf diese Reise zu gehen. Ich hoffe, dass wir gemeinsam die vielen Facetten der Heiligkeit entdecken, schaffen und erkennen werden; zu lernen, wie wir die Göttlichkeit einladen und sie bewahren können. Ich wünsche Ihnen allen einen wunderschönen, energiereichen Monat, erfüllt mit der Heiligkeit dieser Welt, dieses Lebens und all dessen, was Gott geschaffen hat. Ich freue mich darauf, euch im August in Basel zu sehen.

Herzliche Grüsse, Avigail

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